Hugendubel-Betriebsversammlung: Klartext von den KollegInnen - Geschwurbel von der GL
Wer im Vorfeld der gestrigen Betriebsversammlung in München im Eine-Welt-Haus die Befürchtung hegte, daß die Belegschaft sich nach kurzer Betroffenheit wieder einlullen läßt und auf die GL-Parole "Wir sitzen doch alle im selben Boot" hereinfällt, wurde von den Kolleginnen und Kollegen eines besseren belehrt:
Seit Jahren gab es keine Betriebsversammlung mehr, in der so engagiert und kritisch diskutiert wurde, in der der jahrelang aufgestaute Ärger über Fehlentwicklungen im Unternehmen sich so heftig manifestierte, in der die beiden vorgeschickten GL-Vertreter Hr. Brunn und Fr. Lange so harte Kritik einstecken mußten.
Maximilian und Nina Hugendubel, die einige MitarbeiterInnen schon seit Jahren nicht mehr in ihrer Filiale zu sehen kriegten, waren vor zwei Wochen eingeladen worden, drückten sich aber mit dem Hinweis auf den gestern erschienenen SZ-Artikel davor, Rede und Antwort zu stehen. Kardinal Marx und sein Generalvikar und Weltbild-Aufsichtsratschef Beer, die ebenfalls eingeladen waren, machten sich nicht einmal die Mühe, eine formale Absage zu schicken.
Solidarität ist keine Einbahnstraße
Dafür kamen als Gäste aus Augsburg der Weltbild-Betriebsratsvorsitzende Peter Fitz, die stellvertretende Konzernbetriebsratsvorsitzende Dolores Sailer sowie der Betriebsrat und ver.di-Betriebsgruppen-Sprecher Timm Boßmann zu uns. Peter Fitz gab einen kurzen Überblick über die Entwicklung bei Weltbild seit Herbst 2013, schilderte die vergeblichen Angebote zu einer Zusammenarbeit von Betriebsrat, Gewerkschaft und Management zur Sanierung von Weltbild.
Über die Insolvenz sei er erst am Vortag um 23.00 Uhr (!) von Halff & Co informiert worden.
Peter Fitz betonte eindringlich die Bedeutung der Fortsetzung der weiteren Zusammenarbeit der beiden Unternehmen Hugendubel und Weltbild, da wir nur zusammen überleben könnten. Wichtig sei dafür auch die gegenseitige Solidarität zwischen den Belegschaften.
Timm Boßmann erläuterte u.a. die verschiedenen Aktivitäten, die Kolleginnen gestartet haben, um öffentlichen Druck aufzubauen: die Busfahrt von 80 KollegInnen nach Würzburg zu den Bischöfen, das Einbeziehen von lokaler Politik bis hin zu Seehofer, der Entwurf eines eigenen Solidaritäts-Aufklebers bis hin zu den 2000 Freikarten für Weltbild-Mitarbeiter für das Bundesliga-Spiel des FC Augsburg am morgigen Samstag. Was die Weltbild-Aktivisten da mit unglaublicher Energie und hochprofessionell auf die Beine gestellt haben, dürfte bundesweit beispielhaft sein. Er kündigte weitere Aktionen an, darunter auch zusammen mit Hugendubel-Beschäftigten in München.
"Mein Name ist Brunn bzw. Lange - wir wissen von nichts"
Unser Betriebsratsvorsitzender Uwe Kramm bekräftigte mit klaren Worten die Fortsetzung der Zusammenarbeit und die Notwendigkeit der Solidarität: "Wir stehen zu Weltbild!"
Wie Peter Fitz wies auch er auf die katastrophale Informationspolitik der Geschäftsführung hin:
von der geplanten Geheimoperation der Abspaltung Hugendubels von der DBH erfuhr er aus der Zeitung, ein klarer Verstoß gegen die vom Betriebsverfassungsgesetz vorgeschriebene Informationspflicht des Arbeitgebers gegenüber den Betriebsratsgremien.
Der Höhepunkt der gestrigen Betriebsversammlung war sicher der - mensch kann es nicht anders nennen - offene Schlagabtausch zwischen Belegschaft und den beiden anwesenden Mitgliedern der Geschäftsführung. Eine vollständige Wiedergabewürde den Rahmen dieses Artikels sprengen, deswegen nur einige Stichworte zur Strategie der beiden GL-Vertreter.
- "Die Presse ist schuld": lang und breit wurde auf den gestrigen Artikel in der Süddeutschen (vgl. oben) eingedroschen, so als ob für alle Kalamitäten verantwortlich wäre. Die Insider-Infos bekam die Zeitung aus dem Zirkel der Gesellschafter, die wie Brunn richtig anmerkte, "jeweils verschiedene Interessen verfolgen würden". Ob der SZ die Infos jetzt aus Kirchen- oder Bankenkreisen gesteckt wurden, ist dabei für uns als Beschäftigte unerheblich. Wir sollten nur eins bedenken: der Überbringer der schlechten Nachricht ist nicht der Verursacher des Übels. Wie bereits am Beispiel des Marienplatz-Umbaus, den die Beschäftigten aus der Zeitung erfuhren, fällt auch jetzt wieder das naiv-unprofessionelle GL-Verständnis vön Öffentlichkeit auf.
- "Wir sind nur die vierte oder fünfte Reihe". Dieses freimütige Bekenntnis von Hr. Brunn zur Kennzeichnung seiner Position als - letztendlich weisungsgebundener Angestellter - innerhalb der DBH-Konzernstruktur sollte als Begründung dienen, warum er zur ganzen Sache nichts sagen kann. Flankiert wurde dies noch durch den von Fr. Lange mehrfach wiederholten Verweis auf die gesellschaftsrechtliche Konstruktion der DBH. Das sollte ablenken, verursachte aber zunehmend mehr Unmut im Plenum.
Denn erstens klang es für die MitarbeiterInnen wenig glaubwürdig, zweitens verstärkte diese Taktik nur noch mehr die bohrende Frage nach der Abwesenheit von Herrn und Frau Hugendubel. Als dann Fr. Lange noch laut dachte und zukünftige Filialschließungen mit Rücksicht auf die Nerven der betroffenen Mitarbeiter am besten nur noch kurzfristig ankündigen wollte, waren die anwesenden KollegInnen zwei Sekunden völlig baff ob dieser Frechheit und dann nur noch empörter.
- "Logomate": hier driftete die Diskussion in eine ausführliche Kleinteiligkeit ab, die man hätte besser straffen sollen. Aber anscheinend war hier so viel Dampf im Kessel, daß man sich unbedingt vor den verantwortlichen Luft verschaffen wollte. Von Brunn wurde eine mit dem Softwarekauf anvisierte Abgruppierung und Personalreduzierung geleugnet, was ihm aber niemand abnahm. Ebenso eine klare Falschaussage von ihm, daß der Betriebsrat rechtzeitig informiert worden sei (dies fand erst nach dem Kauf der Software statt).
- "Abspaltung": die Aufklärung der Hintergründe des Abspaltungsversuches von der DBH kam eindeutig zu kurz, nicht nur weil Lange dies mit dem Nebensatz, daß das ja nun "obsolet" sei wegwischen wollte. Laut Süddeutscher Zeitung hatten die Hugendubels 23 Millionen aufgetrieben, um sich von Weltbild/DBH freizukaufen. Woher kam dieses Geld? Hier hätte vor allem der Betriebsrat nachhaken müssen.
Dazu kam es aber nicht mehr, da die beiden GL-Mitglieder mittlerweile auf dem Heimweg waren, um wie vereinbart eine Diskussion der beschäftigten untereinander ohne Führungskräfte zu ermöglichen.
K.O.-Schlag für die GL-Desinformation
Schorsch Wäsler von unserer Gewerkschaft ver.di setzte zwei Punkte auf die Agenda.
Erstens machte er nochmals allen Anwesenden klar, daß der fortwährende systematische und vorsätzliche Verstoß der GL gegen die gesetzlichen Informationspflichten eben k e i n Kavaliersdelikt sei, sondern daß der BR mit aller Konsequenz dagegen vorgehen müsse. Zweitens plädierte er für einen Neustart der Kampagne für den Sozialtarifvertrag unter dem griffigeren (und passenderen) Claim "Tarifvertrag für Beschäftigungssicherung".
Den Fokus auf die Situation in Augsburg legte zum Schluß nochmals Hubert Thiermeyer, ver.di-Fachbereichsleiter für Handel in Bayern. Solidarität mit den KollegInnen von Weltbild bedeute nicht, daß man sich an ein untergehendes Schiff festkette, sondern ist auch eine - zumindest mittelfristig alternativlose - betriebswirtschaftlich vernünftige Lösung für beide Partner. Information und Transparenz des Managements gegenüber der Belegschaft sei die Basis für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln. In der Krise noch mehr als sonst. Er erzählte auch von den bis in den Mai 2013 zurückreichenden Plänen der Gesellschafter von Hugendubel und Weltbild zur Abspaltung. Dies gehe aus dem KPMG-Gutachten, das der Wirtschaftsberater des Weltbild-Betriebsrates im Rahmen der Insolvenz-Unterlagen einsehen konnte, klar hervor. Der darüber informierte Personenkreis in Weltbild/DBH/Hugendubel-Managerkreisen, so Hubert Thiemeyer, dürfte bei ca 40 - 50 Führungskräften gelegen haben. Das war der K.O.-Schlag für die Desinformationskomödie der beiden GL-Mitglieder.
***
Wie sagte doch Fr. Lange noch vorher zu den Mitarbeitern?
"Vertrauen in die Unternehmensführung ist jetzt in dieser Situation ganz wichtig."
Und was antwortete eine Kollegin auf diese Aufforderung?
"Vertrauen muß man sich erarbeiten!"
Ach, ja: Falls Sie oder einer Ihrer Lakaien dies lesen sollte: Wir sind mit Ihnen noch lange nicht fertig, Herr Kardinal).
Ach, ja: Falls Sie oder einer Ihrer Lakaien dies lesen sollte: Wir sind mit Ihnen noch lange nicht fertig, Herr Kardinal).